Akupunktur: Mit jedem Stich fließt das Qi
Alles ist Energie – auch Gesundheit und Wohlbefinden. Dafür sollte das Qi, die Lebensenergie, möglichst ungehindert durch den Körper fließen. Die Traditionelle Chinesische Medizin hat dies bereits vor 2000 Jahren erkannt und dafür die klassische chinesische Akupunktur entwickelt. Sie ist seitdem zentraler Bestandteil der Heilkunde.
Vor mehr als 2000 Jahren wurde die klassische chinesische Akupunktur entwickelt und ist eine zentrale Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Im Unterschied zur westlichen Schulmedizin betrachtet die TCM den Menschen immer ganzheitlich und beschränkt sich nicht auf die Behandlung eines Symptoms, beispielsweise durch Schmerzmittel. Das Qi ist ausgeglichen und der Mensch sowohl geistig als auch körperlich gesund, wenn Yin und Yang, die Energien des Weiblichen und Männlichen, der Ruhe und Bewegung, des Himmels und der Erde, von Ebbe und Flut sowie Tag und Nacht, im Einklang sind. Gegensätze, die ohne einander nicht existieren können. Dabei werden dem schwarzen, weiblichen Yin Entspannung, Dunkelheit, Passivität, Ruhe und Gefühl zugeordnet, dem weißen, männlichen Yang dagegen Aktivität, Helligkeit, Wärme, Kraft, Stärke und Stabilität. Diese Kräfte finden in der TCM Anwendung, indem ihnen Organe zugewiesen werden: Yin ist Herz, Leber, Lunge, Niere und Milz, Yang Magen, Darm, Blase und Gallenblase. Was sich in der westlichen Kultur ein bisschen wie Hokuspokus anhört, ist in Wirkung und Erfolg längst bewiesen – und wird als Therapie bei chronischen Schmerzen seit fast 20 Jahren sogar von den Krankenkassen bezahlt.
„Wenn die westliche Medizin am Ende ist, beginnt die östliche.“
„Tief einatmen“, sagt Dr. Agapi Stergiou-Ceyrowsky. Beim Ausatmen sticht sie zu. Ganz sanft und nur etwa zwei bis drei Millimeter tief in die Haut der Patientin. Mit einer Drehbewegung, die der feinen Nadel einen leichten Schwung gibt. Entspannung, Schmerzlinderung und Wohlbefinden soll sie bringen, diese Behandlung, bei der bis zu 20 Nadeln an verschiedenen Punkten am Ohr, in den Händen und eine in die Mitte der Stirn oberhalb des Nasenrückens gesteckt werden. 30 Minuten bleibt die Patientin zugedeckt liegen, der Raum ist ruhig und ein wenig abgedunkelt. In dieser Zeit wirken die Nadeln auf den Energiefluss im Körper.
Denn die Akupunkturpunkte liegen auf den Meridianen, den insgesamt 14 Energiebahnen, die den Menschen durchziehen. 365 Punkte gibt es, an denen Dysbalancen und Blockaden gelöst und somit der Qi-Fluss entweder beschleunigt oder verlangsamt werden kann – je nach Bedarf und den zu behandelnden Beschwerden.

„Wir haben gerade in der Stress- und Schmerzbehandlung großen Erfolg.“
Nach 30 Minuten entfernt die Ärztin mit einer kurzen Drehung alle Nadeln, die Patientin ist sichtlich erholt. „Wir haben gerade in der Stress- und Schmerzbehandlung großen Erfolg“, sagt Stergiou-Ceyrowsky. „Oft schon nach der ersten Behandlung.“ Sie praktiziert seit 1984: zuerst als Internistin, wenige Jahre später auch als Akupunkteurin, Homöopathin, Osteopathin und Kinesiologin – um nur vier ihrer weiteren Ausbildungen in der alternativen Heilkunde zu nennen. „Ich habe früh gemerkt, dass mir die Schulmedizin nicht reicht, um Menschen diagnostizieren und therapieren zu können“, sagt sie. „Wenn die westliche Medizin am Ende ist, beginnt die östliche.“
Doch wie fühlt es sich an, wenn überall Nadeln in der Haut stecken? Am Kopf, im Nacken, Rücken, in Beinen, Armen oder eben im Ohr? „Ohrakupunktur ist ein eigenes wissenschaftliches Feld“, erklärt die Ärztin. Denn das Ohr bilde alle Organe des Körpers ab. Kribbeln, Taubheit, ein Gefühl der Schwere, Wärme oder Kälte können am Einstichpunkt auftreten. Dies alles ist zusammengefasst unter dem „De-Qi-Gefühl“. Nebenwirkungen gibt es quasi keine, außer leichten Rötungen und selten Blutungen. Da Einmalnadeln verwendet werden, kommt es auch nicht zu Entzündungen. Allergien, Tinnitus, Rauchentwöhnung, Schlafstörungen – „es gibt Nadeln für alles“, sagt Stergiou-Ceyrowsky und lacht. Und wie wirken sie genau? „Die neuronalen Reize sorgen für Neurotransmitter-Ausschüttungen, wie zum Beispiel Serotonin, die beruhigend und schmerzlindernd wirken. Ähnlich wie Opiate. Und das wiederum fördert die Selbstheilungsprozesse des Körpers.“ Die wichtigsten Effekte bleiben aber das Harmonisieren der Energie und die Schmerzlinderung.
Text: Daniela Kebel
Fotos: Adobe_Stock_Andrey Popov/geargodz


